Thomas Schriefers
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EXPO 2015: Weltausstellungen sind Kristallisationspunkte

Interview mit Dr. Thomas Schriefers über Weltausstellungen und seine persönlichen Eindrücke von der EXPO MILANO 2015.

Thomas Schriefers / © C. Rose/Akademie der Architektenkammer NRW gGmbHWenn es jemanden gibt, der Weltausstellungen aus vielen verschiedenen Blickwinkeln betrachtet, dann ist es Dr. Thomas Schriefers. Der Kölner Architekt und Künstler arbeitet unter anderem auch als Kurator und ist Autor des Buches „Geträumt, geplant, gebaut – abgerissen! WELTAUSSTELLUNG(S)ARCHITEKTUR“. In Mailand führt er Gruppen deutscher Architekten über die Weltausstellung, und in diesen Tagen begleitet er dort eine Delegation, die der AUMA für Vertreter von Bundes- und Landesministerien und seine Mitglieder organisiert hat. Bis Anfang Oktober wird Thomas Schriefers fast zwanzig Mal auf der EXPO MILANO 2015 gewesen sein. Für den AUMA traf ich ihn kurz vor seiner Abreise.

Herr Dr. Schriefers, Sie waren seit Anfang Mai schon fünfmal auf der Expo 2015 in Mailand, haben Sie schon alles gesehen?

(lacht) Nein, die EXPO MILANO überrascht mich jedes Mal auf’s Neue, mit neuen Eindrücken und weiteren Details. Und jedes Mal, wenn ich wieder zuhause bin sage ich, es war schön, es war richtig schön, und dann freue ich mich, erneut hinzufahren.

Was haben Weltausstellungen von gestern mit denen von heute gemein?

Weltausstellungen sind immer Kristallisationspunkte ihrer jeweiligen Zeit und sie sind es immer gewesen, das wird oftmals unterschätzt bei ihrer Beurteilung. Eine Zeit artikuliert sich in allen Bereichen einer Weltausstellung zu politischen, völkerrechtlichen, sozialen, technischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Fragen. Und natürlich spielen auch die Sympathiewerbung für das jeweilige Land und der Tourismus eine Rolle – das war einst in London und Paris so und das gilt auch für Mailand. Aber im Vordergrund steht die unterschiedliche Wahrnehmung der Stärken des Landes und dazu lädt eine Expo auch immer ein: Durch das Begehen und das Vergleichen sich auf eine sehr unterschiedliche Welt einzulassen und zu erleben, wie komplex sie ist. Wer also die Welt, die Ansprüche und Träume der Nationen in deren jeweiliger Ausdrucksform erleben will, der sollte unbedingt auf eine Expo gehen, besonders auf die Expo in Mailand.

Was zeichnet Ihrer Meinung nach diese Weltausstellung EXPO MILANO 2015 aus?

EXPO 2015: Decumanus – die Hauptachse des Expo-Geländes / © expo2015.orgIch habe ja nun schon einige Weltausstellungen selbst gesehen. Die Welt findet tatsächlich in einem Global Village statt, und das trifft in hohem Maße auf die EXPO MILANO zu. Ich bin überrascht, wie wenig monumental und einschüchternd die Staaten daher kommen. Was diese Weltausstellung aus meiner Sicht auszeichnet, das sind vor allem das Gelände und das Konzept. Da ist der Decumanus, diese 1.700 Meter lange Hauptachse des Expo-Geländes, vollständig beschattet durch Sonnensegel und mit einem angenehmen Windzug. Er ist so großzügig dimensioniert, dass sich alle Besucher, und sei es noch so voll, auf dieser Achse frei bewegen können. Für sie ist der Decumanus auch Orientierung, man kann sich in Mailand einfach nicht verlaufen.

Solch eine Achse gab ja in den Pariser Weltausstellungen im 20. Jahrhundert auch, aber was macht in Mailand den Unterschied aus?

Paris und ihre Weltausstellungen stellten eine Sondersituation da: Sie sind dort ein urbanes Implantat. Die Stadt veränderte sich komplett durch urbane Einbauten, das ganze Stadtbild bekam ein völlig andere Silhouette. In Mailand steht die EXPO auf einem Gelände außerhalb des Stadtzentrums. Das was aber gerade jetzt wieder ganz aktuell mit dem Decumanus entstanden ist, das ist die „Rue de Nation“, die ein Ur-Motiv der Expo ist: Die Straße, an der sich die Nationen präsentieren. Am Anfang in den Glaspalästen, natürlich nicht mit ganzen Palästen, sondern mit Fassaden. Man sagt hier in Mailand übrigens nicht, ich gehe in einen Pavillon, sondern man sagt, ich gehe nach Italien, Deutschland, Korea oder in die Slowakei.


Entlang des Decumanus reihen sich Nationen und Institutionen wie Perlen an einer Kette aneinander und allen hat man in Mailand eine gleich bemessene Front zugebilligt. Der große Deutsche Pavillon hat daher beispielsweise die gleiche Breite wie Ecuador, das mit seinem ganz kleinen Pavillon direkt daneben liegt, lediglich die Länge der Flächen unterscheidet sich. Das aber setzt voraus, dass man in Mailand ganz andere Strategien braucht, als bloß an der Front ein Monument zu schaffen, um die Menschen auch dorthin zu locken. Wenn jemand aus dem kühlen Schatten des Decumanus durch die Hitze in den 50 Meter entfernten Pavillon in der Hitze gehen soll, dann muss das schon sehr interessant und so attraktiv sein – und das ist vielen Teilnehmern ausgesprochen gut gelungen.

Ist die Strategie Deutschlands aufgegangen, solch einen Stand zu schaffen?

EXPO 2015 – Deutscher Pavillon  / © Thomas SchrieversJa, es ist gelungen, weil der Pavillon ungewöhnlich ist: Er wirkt nicht wie Architektur, man sieht ihn als eine Art Veränderung der Bodenfläche, die sich aufwölbt. Durch die Rampe hat man das Gefühl, diese EXPO steigt hier sanft an und das verführt die Besucher dazu, sich auf dem Deck aufzuhalten: die Keimlinge spenden Schatten und auch die verschatteten hohen Picknick-Bereiche. Es wird immer sehr gut besucht. Man kann auch schon von oben Einblicke in den Pavillon haben, es gibt Bereiche, in denen sich die Bundesländer präsentieren: Es erschließt sich ein Stück Deutschland, auch ohne dass man hineingehen muss.


 Schaffen es solche Pavillons auch, das EXPO 2015-Thema unterzubringen?

Es gibt da sicherlich auch unterschiedliche Strategien. Aus deutscher Sicht: Deutschland, und natürlich auch andere Industrienationen, ist ein sehr lösungsfähiges Land, wir bieten auf Weltausstellungen immer viel Technologisches und auch Wissen an, das tun wir in Mailand auch. Aber da gibt es auch andere Länder, die diese technologischen Möglichkeiten nicht haben, die sich aber trotzdem kompetent an der Diskussion beteiligen. EXPO 2015: Innenhof zwischen den Pavillons der Ariden Zone / © Thomas SchriefersIch denke da beispielsweise an Länder der Trockenzonen, die sich den Fragen stellen, wie gehen wir mit unserem Klima um, wie gehen wir mit der Ausdehnung der Wüste um, wie sichern wir Wasser? Und diese Staaten präsentieren sich dann auch mit dem, was sie haben, was Essen und Ernährung angeht. Sie zeigen, dass man in einer Region, in der scheinbar wenig wächst, in Wirklichkeit viel mehr möglich ist als wir ahnen.

Welche Pavillons fallen in Mailand besonders auf und wie fallen sie auf?

Was aus meiner Sicht in Mailand stärker vertreten ist als auf anderen Weltausstellungen und was die Stärke vieler Beiträge auf dieser EXPO ist: Pavillons, die auch Bereiche haben, die es möglich machen, dass man sie entdeckt, ohne in Schlangen Stunden lang anzustehen, kommen bei den Besuchern gut an. Bahrain beispielsweise hat solch einen Pavillon, den man zunächst fast übersieht. In seiner wunderbaren weißen, introvertierten Ästhetik gibt es aber im Innenraum paradiesische Gärten, eine Kombination von Natur und Kunst, ein Ort der Stille neben diesen lebendigen Klängen und Geräuschen dieser Mailänder Expo.


Ähnlich ist das bei Frankreich. Dort gibt es einen längeren Weg zum sehr offenen, luftigen Pavillon, der wie eine überdachte Markthalle anmutet, mit großen Portalen und ohne Shows. Auch der Heilige Stuhl hat ein sehr schönes, gefaltetes Gebäude, mit einer sehr eigenen Ästhetik, und auch der ist frei zugänglich. Also man merkt, es gibt viele dieser Bauten, die es den Menschen leicht machen, sie zu entdecken. Wenn man sieht, was beispielsweise Kasachstan und Turkmenistan für eine selbstbewusste Art der Verbindung von Technologie und Tradition entwickeln, dann zeigt das, wie eingeschränkt unser Blick auf diese Länder oft ist.

Warum leisten sich auch ärmere Staaten eine Teilnahme an einer Expo?

An Weltausstellungen haben immer kleinere, aber auch neue Staaten teilgenommen. Das sind Nationen, die sich ihre Präsenz oft kaum leisten können und die sich der Welt nicht vor dem touristischen oder technologischen Hintergrund präsentieren. Vielmehr sagen sie der Welt, wir sind da, wir sind ein Teil dieser Welt, der auch etwas leistet. Viele gefährdete Staaten beispielsweise sind auch in Mailand vertreten – sie geben damit ein politisches Statement. Deren Pavillons sind durchweg inhaltlich hoch spannend, weil sie vermitteln, was in diesen Ländern eigentlich los ist.

Hat die Positionierung der Pavillons – auch zueinander – eine Bedeutung?

EXPO 2015: Die Pavillons von Russland (li.) und Estland / © Thomas SchriefersMan erkennt in Mailand, dass die Pavillons, die nebeneinander stehen, aufeinander wirken, man erkennt auch Rivalitäten. Estland beispielsweise hat dort einen großen Pavillon, unmittelbar neben dem Pavillon Russlands. Oben, auf der höchsten Spitze haben sie die kleine estnische Flagge gehisst. Als unmittelbare Reaktion darauf brachten die Nachbarn – nach Beginn der EXPO – zusätzlich einen Fahnenmast an und hissten die noch größere Flagge der russischen Föderation – auch das ist Expo.
Ein Phänomen dieser EXPO MILANO 2015 ist, dass man versucht hat, die Nationen der Ersten, Zweiten und Dritten Welt zu durchmischen. Man gibt beispielsweise denjenigen Staaten, die keinen eigenen Pavillon bauen können, trotzdem Raum in einem Gemeinschaftspavillon, mit einer kleinen Piazetta, mit eigener Gestaltung und unter bestimmten Themen. Mit so genannten Clustern wie Kakao, Reis, Kaffee, Mittelmeer-Anrainer werden Gruppen gebildet, die in einer bestimmten Weise miteinander verbunden sind. Dort finden sich auch Darstellungen, die den Raubbau an den Ressourcen unseres Planeten zeigen. Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass einige dieser Beiträge auf dem Decumanus zu sehen sind, denn dort bekämen sie sicherlich die Aufmerksamkeit, die sie im Hinblick auf das Motto dieser EXPO verdienen: Feeding the planet. Energy for Life.

Herzlichen Dank, Herr Dr. Schriefers.

Das Interview sowie die Fotos liegen als Version für Pressezwecke vor.  http://www.auma.de/de/Presse/Seiten/Presse17-2015.aspx

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